Short story and title photo by Wanda Sonnemann

“Dann tu es.” entgegnet sie unbeirrt, streckt die Arme von sich, legt den Kopf in den Nacken. Durch fast geschlossene Lider sieht sie ihn an. “Wenn du wirklich glaubst, dass ich den Tod verdiene, dann werde ich dich nicht aufhalten.” Sie lässt die Arme sinken, lässt den Kopf sinken, nur ihr Blick hält den seinen. “Du weißt was ich bin. Besser als ich selbst. Ich vertraue dir.”

Er, der gekommen ist, um ein Monster zu jagen sieht vor sich nur eine Frau, die er einmal gekannt hat. Nieselregen lässt das Kopfsteinpflaster glänzen.

Sein Befehl lässt keinen Raum für Interpretation. Sein Finger ruht auf dem Abzug.

Sie hat sich verändert, bemerkt er. In so so kurzer Zeit hat ihr Gesicht das Kindliche verloren, ist hager geworden. Dunkle Schatten unter ihren Augen. Sie hat es nicht leicht gehabt.

Er weiß was zu tun ist. Seine Pflicht.

Vielleicht bin ich das Monster, sagt sein Herz.

Sie ist barfuß. Ihr Kleid ist ausgeblichen, hat Risse im Saum, sie hat es biz zum Knie gekürzt. Ihr feuriges Haar ist länger, als er es in Erinnerung hat.

Das letzte Mal hatte er gegen seine Pflicht gehandelt und hatte sie vor den anderen beschützt. Er hatte sich selbst eingestanden, verliebt zu sein. Damals wusste er nicht, was sie war und warum er den Befehl erhalten hatte. Sie verschwimmt vor seinen Augen, der Griff um seine Waffe festigt sich.

Er kann ihr Gesicht nur schemenhaft erkennen. Sie hat die Augen geschlossen. Steht völlig unbeweglich.

Seine Finger schmerzen. Seine Hände beginnen zu zittern. Langsam, Zoll um Zoll lässt er die Waffe sinken.

“Ich kann nicht” Seine Stimme ist nur ein Hauch.

Sie löst sich aus der Erstarrung. Die ruhige Maske auf ihrem Gesicht zerbröckelt. Sie überwindet die Distanz zwischen ihnen, legt ihre Hand an seine Schulter, vergräbt ihr Gesicht in seinem klammen Mantel. Tränen brechen aus ihm heraus.

Seine Hand fährt durch ihr Haar, presst sie an sich. Er Spürt ihre Wärme durch sein Hemd. Sie lässt sich umschließen, flüstert etwas und hebt den Blick um ihn anzusehen. Auch sie weint.

Er fällt in sich zusammen, Die Waffe schlägt auf dem Pflaster auf.  Sie kniet neben ihm, umschlingt ihn, lässt nicht los.

Monster sind ihm auf einmal gleichgültig. Was auch immer sie sein mag, was auch immer die anderen denken, hat keine Bedeutung mehr, nur der warme Atemhauch in seinem Gesicht. Das Licht bricht in den Wassertropfen, die ihr Haar herab rinnen. Nie ist Regen schöner gewesen. Nie hat ihn Kälte weniger berührt.

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